Braucht Zürich wirklich ein Kongresszentrum?

MICE-Experte Oliver Stoldt organisiert jährlich über 4000 Meetings und Konferenzen in der Schweiz und weltweit. Stoldt ist überzeugt: Ein neues Kongresszen­trum würde nicht nur Zürich, sondern auch dem ganzen MICE-Markt der Schweiz guttun.

Ich befürworte ein neues Kongresszen­trum in Zürich zu 100 Prozent. Dieses würde gerade im globalen Markt einen grossen Vorteil darstellen. Die Chance, internationale Kongresse nach Zürich zu holen, ist so viel grösser. Und ich bin überzeugt, nicht nur Zürich würde davon profitieren, sondern die ganze Schweiz würde in der globalen MICE-Landschaft attraktiver und sichtbarer werden. Zu beachten ist allerdings, dass ein grosses Kongresszentrum auch nach neuen Hotels verlangt. Jetzt freue ich mich vor allem auf die Wiedereröffnung des Kongresshauses in Zürich – das ist für Zürich und auch für die Schweiz als «Conference-Country» sehr wichtig. Auch das Projekt The Circle am Flughafen ist aus meiner Sicht eine fantastische Möglichkeit, globale Meetings und Konferenzen nach Zürich zu holen und ambitioniert in die Zukunft zu blicken.

Die Schweiz positioniert sich nicht klar!

Ob mit oder ohne Kongresszentrum, langweilig wird es im Schweizer MICE-Markt sowieso nicht. Die Herausforderungen sind gross, und die gesamte MICE-Landschaft befindet sich im Moment in einem rasanten Wandel. Neue Player kommen auf den Markt, verschwinden wieder, die Digitalisierung schreitet voran, und leider sind noch lange nicht alle bereit dafür. Die Schweiz hat mit ihren hohen Preisen bereits einen Nachteil gegenüber Deutschland, Österreich und anderen Trenddestinationen wie Prag, Budapest, Valencia oder Warschau. Geprägt ist sie durch viele privat geführte Hotels mit starkem Service. Umso mehr tut es mir weh zu sehen, dass die Schweiz es verpasst, sich klar zu positionieren. Themen wie Swissness, Qualität, Sicherheit, Sauberkeit und Gastfreundschaft fehlen bei der Kommunikation nach aussen. Vorhanden ist ja alles! Auch die Infrastruktur ist exzellent, Züge und Flüge sind pünktlich, und die Hotels und Konferenz-Locations haben einen guten Standard. Das sollten wir selbstbewusst und mutig auch so kommunizieren. Ein gutes Beispiel dafür sind Kooperationen, Marketingmittel werden gebündelt, um mehr Power auf den Boden beziehungsweise den Markt zu bringen.
Nur die Hälfte der Hotels ist gut aufgestellt!

Nicht nur bei den MICE-Anbietern ist eine Bündelung notwendig, sondern auch bei den Veranstaltern von Kongressen wird eine zentrale Anlaufstelle immer wichtiger. Sogenannte All-in-One-Anbieter sind auf dem Markt gefragter denn je. Gerade globale Firmen möchten – und dürfen – teilweise keine neuen Lieferanten anlegen, sind gezwungen, durch die konzerninternen digitalen Buchungswege komplexe Abwicklungen zu vermeiden. Auch standardisierte Prozesse werden immer wichtiger, gerade für kleinere und mittlere Meetings. Konkret heisst das, der Kunde will heute online planen, buchen und zahlen. Wir stellen einen klaren Trend zu Payment-Solution-Systemen fest, Auswertungen und Reportings sind ebenfalls von zentraler Bedeutung. Der Trend zur Digitalisierung und zur Standardisierung schreitet rasant vorwärts. Wer hier nicht mitmacht, wird abgehängt!

Viele Hotels sind digital nicht buchbar

Um das in Zahlen auszudrücken: Zurzeit gibt es ungefähr 220 relevante MICE-Hotels in der Schweiz. Davon sind über 50 Prozent noch nicht an die globalen MICE-Buchungssysteme angeschlossen. Es gibt also keine Möglichkeit, diese vernünftig zu buchen. Das Problem: Wenn ein Hotel nicht vernünftig digital buchbar ist, wird es irgendwann gar nicht mehr gebucht, weil die internen Richtlinien der Unternehmungen sagen, dass alles online gebucht und abgerechnet werden muss. Der FIT-Markt hat es vorgemacht, der MICE-Markt wird folgen.

Dies ist aber nicht nur ein Problem der Schweiz. Im D-A-CH-Raum werden nur rund 5 bis 6 Prozent der Tagungshotelbuchungen strukturiert über Systeme abgewickelt. Ansonsten werden Tagungshotels oder Event-Locations mehr und mehr über Suchmaschinen wie Bing, Yahoo und Google gesucht und angefragt. Die Assistenten/Bucher informieren sich also zuerst im Internet, danach ist der persönliche Kontakt via Telefon immer noch Trumpf. Für mich ist das, aller Digitalisierung zum Trotz, auch schön zu sehen, dass der persönliche Kontakt und der Mensch hinter einem Kongress nach wie vor das A und O sind.

MICE-Onlinedistribution und Speed

Der globale Tagungs- und MICE-Markt ist riesig. Es ist ein Multimilliardengeschäft, und in der Schweiz ist fast jede fünfte Logiernacht eine MICE-Logiernacht. Die Hotellerie ist auf das Event- und Tagungsgeschäft angewiesen, um die Auslastung in den Saisonrandzeiten zu halten. Dafür braucht es auch den Mut zu investieren, nicht nur in neue Beamer und Flipcharts, sondern in globale MICE-Onlineportale. Früher waren es HRS, booking.com oder Expedia, heute heissen die Umsatzbringer im MICE-Markt meetago, MICE access und Cvent.

Für mich als Player im globalen MICE-Markt, der jeden Tag unterwegs ist und mit globalen Unternehmen spricht oder sich immer wieder neue Systeme anschaut, ist es auch wichtig zu sagen, dass die schweizerische Zurückhaltung hier fehl am Platz ist. Die Schweiz hat alles zu bieten für grossartige und erfolgreiche Tagungen. Zeigen wir unsere Stärken wie Qualität, Gastfreundschaft, Sicherheit und Sauberkeit! Weltweit wird die Schweizer Hotellerie noch immer als Serviceparadies gesehen.

Dennoch müssen wir etwas mehr Gas geben und schneller werden. Denn nebst einem hervorragenden Angebot entscheidet heute der Speed, ob sich ein Kunde für oder gegen eine Destination oder für oder gegen ein Hotel entscheidet. Wir sehen das im täglichen Ablauf.

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